Kommentar
Zur aktuellen Realsatire in der psychotherapeutischen Versorgung
11. April 2026
Warten wir noch oder Warken wir schon?
Ein Kommentar zur aktuellen Realsatire in der psychotherapeutischen Versorgung
„Warte!“, hört der Depressive und sinkt zurück ins Bett. „Wozu habe ich mich überhaupt aufgerafft?“
„Warte!“, hört die AD(H)S-Patientin und steht vor einer schier unlösbaren Aufgabe.
„Warte!“, hört der Borderline-Patient und fragt sich, wo eigentlich die Rasierklinge liegt, anscheinend wird man hier nicht ernst genommen.
Manche Bestseller prophezeien, dass Warten an sich die Fähigkeit schlechthin sei für ein erfolgreiches Leben1 und tatsächlich: Warten ist Teil der menschlichen Existenz – warten auf den Nikolaus, warten auf den nächsten Lohn, vor allem aber auch Warten im Gesundheitswesen.
Wir Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten dürfen seit Mitte März auch warten oder genauer gesagt: wir Warken. Wir Warken auf Antworten der Gesundheitspolitik – allen voran auf Nina Warken - zu Falschbehauptungen des GKV-Spitzenverbands2, Honorarkürzungen3 und einer Veröffentlichung von 66 Empfehlungen zur Finanzierung gesetzlicher Krankenkassen4, die die Psychotherapie massiv treffen und im Schlimmsten mit zahlreichen Praxisschließungen einhergehen werden.
Warken mit Angst also vor Praxisschließungen und auch der Sorge davor, dass bei vielen Menschen Warken nebenbei passiert, wenn die Thematik verzehrt dargestellt wird: Dahinter steht der strukturelle Angriff auf eine sehr schwache Patientengruppe, deren Versorgung billig und hochwirksam ist. Oder dass geplante Veränderungen im Gesundheitswesen ohnmächtig machen: Wozu sich überhaupt aufraffen für diese schier unlösbare Aufgabe? Anscheinend wird man hier nicht ernst genommen. Wer weiß, wo auf der Warkeliste wir überhaupt platziert wurden? Stehen wir beispielsweise vor oder nach der Pharmaindustrie? Wir stehen doch auf der Warkeliste oder?!
Doch halt! Dieses von unbeugsamen Depressions- und Angstgegnern besiedelte Feld des Gesundheitswesens beschäftigt sich Tag ein, Tag aus damit, Ressourcen zu stärken und aktive Lebenswege mitzugestalten – und wir schrecken nicht davor zurück, dieses Wissen für uns selbst zu nutzen. Deshalb ist seit Mitte März Handeln angesagt – nicht nur für unsere Praxen, sondern vor allem für unsere PatientInnen. Noch nie haben sich PsychotherapeutInnen in kürzester Zeit derart gut vernetzt – über 30 Demos in einem Monat, eine Petition mit mehr als 500.000 Unterschriften, ein neuer bundesweiter Verein – das Aktionsbündnis Psychotherapie - und viele weitere Aktionen in Planung 5. Ein Ende dieses kollektiven sozialen Kompetenztrainings zum Setzen von Grenzen ist längst nicht in Sicht. Wollen Sie nur unsere Basiskompetenzen testen, Frau Warken?
Und das ist nur das, was unter PsychotherapeutInnen passiert. Wir haben beispielsweise noch nicht über einzelne Krankenversicherungen gesprochen, die anscheinend nicht dem Vorgehen des Spitzenverbands der Gesetzlichen Krankenversicherungen folgen wollen und weiterhin das „alte“ Honorar bezahlen 6. Anscheinend sind sich die Krankenkassen selbst uneins, wie sinnvoll das Vorgehen ist.
Die Beschäftigung mit Warken hat also einen ganz besonderen Wert: Wir halten zusammen, klären auf und vernetzen uns immer weiter. Warken mit Hoffnung darauf, dass wir als eine der größten Fachgruppen im Gesundheitswesen gefragt werden, woran es hapert. Erste Ideen liefert die Kassenärztliche Bundesvereinigung und stellt übrigens fest, dass sich die Ausgaben in Praxen zwischen 2020 und 2024 unterdurchschnittlich erhöht haben7. Also warum da sparen?
Wenn dann also ein Platz frei wird, rufen Sie doch mal an, Frau Warken. Und ansonsten: Wir haben gerade erst angefangen.