PsychotherapieverbundUnterfranken

Grundsatzbeitrag

Psychotherapie, Vertrauen und demokratische Resilienz

4. April 2026

Psychotherapie und Demokratie

Über den Zusammenhang von psychischer Gesundheit, Vertrauen und demokratischer Stabilität

Von Marie-Theresa Kaufmann, Würzburg

Erstmals seit 20 Jahren gibt es weltweit mehr Autokratien als Demokratien 12. Das Vertrauen in staatliche Institutionen wie Gesundheitswesen, Medien oder Regierungen ist global gefährdet 14. Wovon besonders Regierungen und StaatsvertreterInnen betroffen sind 14, 7. Gleichzeitig ist wissenschaftlich nachweisbar: Es lebt sich in Demokratien länger und besser 16, denn Autokraten haben kein Interesse an der Gesundheit ihrer Bevölkerung. Pandemien brechen leichter aus und Psychotherapie erfolgt wenn, dann oft unter politischem Diktat 1, 3, 17.

Menschen zu unterdrücken, bedeutet also mitunter ihre Gesundheit zu unterdrücken – vor allem auch ihre psychische Gesundheit und ihr Wohlbefinden. Eine gesunde, resiliente und sich selbstwirksam erlebende Bevölkerung ist wehrhaft.

Auch in der EU gibt es längst autokratische Bestrebungen. Seit 2021 werden diese zwar vehementer bekämpft – von einer Lösung aus der „Autokratisierungsfalle" kann jedoch nicht gesprochen werden 8. Und auch hier kriselt das Vertrauen in staatliche Institutionen – eine Entwicklung, die letztlich nur vor den nationalen Gegebenheiten und der eigenen Historie verstehbar wird 14.

Zur Situation

Wie ist die Situation also in Deutschland?

Sie ist aus mehreren Gründen besonders: Erstens handelt es sich um ein ursprünglich vereintes, dann geteiltes und wiedervereintes Land mit historischen Gemeinsamkeiten wie der „T4-Aktion", wobei Psychiatrien Schauplätze der Tötung „lebensunwerten Lebens" im Nationalsozialismus wurden 10. Anschließend gab es massive Unterschiede im Lebensalltag der Menschen durch die Teilung: So war in der DDR Psychotherapie und die Versorgung psychischer Erkrankungen nur eingeschränkt möglich, obgleich kein systematischer Missbrauch wie in anderen Sowjetstaaten erkennbar ist 7, 4, 2. In der BRD hingegen war eine zunehmende Inanspruchnahme von Psychotherapie möglich 7, 11. Nach der Wiedervereinigung entstand hier eine gemeinsame, gesamtdeutsche Versorgungslandschaft.

Zweitens besteht in Deutschland seit Ende des 19. Jahrhunderts die Möglichkeit, dass für die Tätigkeit im Gesundheitswesen kein Medizinstudium Voraussetzung ist – auch das ist eine globale Ausnahmeerscheinung und begünstigte die Psychotherapieentwicklung in Deutschland 9, 11. Psychotherapie ist in Deutschland ferner klar gesetzlich definiert, geschützt und geregelt s. bspw. 5. All diese Errungenschaften haben zum Folgenden geführt: Im Gesundheitswesen Arbeitende und insbesondere PsychotherapeutInnen als RepräsentantInnen verfügen heutzutage und damit seit Überwinden repressiver Staatsstrukturen im Nationalsozialismus oder in der DDR über hohe Vertrauenswerte in der Bevölkerung 6, Psychotherapie schafft Stabilität. Psychisch Erkrankte suchen sich heutzutage aktiv Hilfe und kehren so zurück in Familie, Beruf und Gesellschaft 7. Erkrankungen wurden in den letzten Jahren früher erkannt, Chronifizierung wurde seltener und Suizidraten sanken 13. Suizidalität ist eines der zentralen Themen in psychotherapeutischer Behandlung: In einer Studie mit mehr als 10.000 ambulanten PsychotherapiepatientInnen waren bei fast 37% der PatientInnen Suizidgedanken Behandlungsthema 15. PsychotherapeutInnen leisten hier lebenswichtige Arbeit. Zudem gibt es weniger Stigmatisierung von psychischen Erkrankungen 7, die vor vielen Jahren beispielsweise durch den Nationalsozialismus genährt wurde. All das ist ein Erfolg psychotherapeutischer Arbeit und Forschung sowie der Präsenz von PsychotherapeutInnen in der deutschen Gesellschaft.

Schlussfolgerung

Psychotherapie steht demnach in unseren Augen nicht nur für Gesundheit, sondern sie ist wesentlicher Bestandteil demokratischer, schützender und partizipativer Strukturen in Deutschland – sei es in der Familie, am Arbeitsplatz oder in der Gesellschaft im Gesamten.

Die An- und Abwesenheit von Psychotherapie sowie die Wertschätzung von Psychotherapie in einer Gesellschaft ist Ausdruck des Zustands und Fortbestehens demokratischer Strukturen eines Staates – gerade mit Blick auf globale Krisen.

Eine stabile, sich tragende Gesundheitsversorgung – auch für nachfolgende Generationen – ist dabei unerlässlich. Psychotherapie muss unpolitisch bleiben und allen zugänglich sein.

Lasst uns unserer Verantwortung gerecht werden und diese Chance nutzen!

Literaturverzeichnis

  1. 1.Balfe, M. (2023). Autocracy, medicine and health in the 21st century. Journal of the Royal Society of Medicine, 116(2), 41–43.
  2. 2.Buda, B., Tomcsányi, T., Harmatta, J., Csáky-Pallavicini, R., & Paneth, G. (2009). Die Situation der Psychiatrie in Ungarn im Sozialismus bzw. während der sozialistischen Diktatur. European Journal of Mental Health, 4(1), 67–99.
  3. 3.Burkle Jr, F. M. (2020). Declining public health protections within autocratic regimes: Impact on global public health security, infectious disease outbreaks, epidemics, and pandemics. Prehospital and Disaster Medicine, 35(3), 237–246.
  4. 4.Erices, R. (2021). Politischer Missbrauch in der Psychiatrie der DDR. Psychotherapeut, 66(4), 282–287.
  5. 5.Gesetz über die Berufe des Psychologischen Psychotherapeuten und des Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten. (1998, 16. Juni). Bundesgesetzblatt. Quelle öffnen.
  6. 6.Kaufmann, M.-T., Kasinger, C., Heller, A., Brähler, E., & Strauß, B. (under review). Trusting the psychotherapist, trusting the governmental system and perhaps trusting the neighbor next door: Exploring the institutional nature of trust in psychotherapists in a large German patient sample.
  7. 7.Kaufmann, M. T., Nussmann, H. D., Heller, A., Brähler, E., Gallistl, A., & Strauß, B. (2024). Aspekte der Inanspruchnahme von Psychotherapie in Deutschland zu Zeiten der DDR und danach. PPmP: Psychotherapie · Psychosomatik · Medizinische Psychologie, 74(09/10), 383–394.
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  9. 9.Lienert, M. (2005). Dresden-Zentrum der Neuen Deutschen Heilkunde. Ärzteblatt Sachsen, 4, 156–159.
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  13. 13.Schelhase, T. (2022). Suizide in Deutschland: Ergebnisse der amtlichen Todesursachenstatistik. Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz, 65(1), 3–10.
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  15. 15.Teismann, T., Forkmann, T., Glaesmer, H., Alpers, G. W., Brakemeier, E. L., Brockmeyer, T., ... & In-Albon, T. (2024). Prevalence of suicidal ideation in German psychotherapy outpatients: A large multicenter assessment. Journal of Affective Disorders, 351, 971–976.
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